Dr. Wulf Krause: Freud, Gender und die Massenpsychologie der Gleichheit


Auch machte dagegen damals die Neuigkeit die Runde, dass der amerikanische Psychiater John Money durch genitale Operation und Konditionierungstraining einen Jungen in ein Mädchen verwandelt hatte. Musste also doch was dran sein, an der „polymorph perversen“ Geschlechterumwandlung. Natürlich probierten wir auch das im Rahmen – neugierig, wie wir waren. Wir ließen Mädchen mit Autos spielen, ermutigten sie zu jungenhaftem Verhalten. Aber eines Tages, kam meine Tochter, die ich, sechs Monate alt, zusammen mit ihrer Mutter bekommen hatte und die ich fortan bevatern durfte, strahlend, sie hatte nämlich alles verstanden, strahlend mit einem Kinderwagen samt Puppe darin aus ihrem Kinderladen nachhause. Experimentum crucis! Exitus für die Moneysche sexuelle Transmutaionstheorie! Glatter Schwindel war das und ein Verbrechen zumal, stellte sich später heraus. Nur Alice Schwarzer machte noch einen kleinen Unterschied. Sie feierte 1973 in ihrem berühmten Buch John Money als modernen, ja fortschrittlichen Sexualwissenschaftler. Sie hatte ja selber wohl keine Kinder.

Und wir suchten neue Theorien frühkindliche Entwicklung, lasen Neil, lasen Erikson, lasen Winnicott, lasen Spitz und was wir noch alles finden konnten. Und wir suchten neue Weisen der Kinderbetreuung in den kleinen ehemaligen „Tante-Emma-Läden“, die von den Lebensmittel­konzernen in einer ersten großen Welle enteignet worden waren, in den „Kinderläden“. Erst sollten die Eltern im täglichen Wechsel die Kinder betreuen, die Mütter ebenso wie die Väter. Aber das erschien uns nicht recht wünschenswert, wegen der häufig wechselnden Bezugspersonen, die eine „Mutter-Kind-Bindung“ unmöglich machten. Ja wir hatten das damals von John Bowlby schon gelernt. Es war uns gerade wichtig, eine wirkliche „mothering“ Person zu haben, die aber nicht immer für alle Kinder verfügbar sein konnte. Immerhin wurden deswegen feste „Bezugspersonen“, nicht aber Kindergärt­ne­­rinnen angestellt, die durch einen „Elterndienst“ unterstützt wurden. So ist das meines Wissens bis heute in Kinderläden.

Wir hatten es schon verstanden, dass ein Kind nicht ein Ding mit Eigenschaften ist, die man sich irgendwie „schnitzen“ kann, wie man es sich wünscht und vorstellt, sondern ein Kind ist aktiver Teil, Moment einer mindestens zweistelligen Relation, systemisch in der Innigkeit einer Mutter-Kind-Bindung, einer Vater-Kind-Bindung, in einer starken Paarbindung beider, einer Geschwister-Bindung, und was es da noch alles, für dann auch mehrstellige Relationen und systemische Strukturen, ja, tatsächlich, „Strukturen“ (Levy-Strauss, Foucault) gab.

Aber wer weiß? Vielleicht löst sich ja diese geschichtliche Gestalt des Geschlechts,
welches die Form des “strong pairbonding” besitzt, heute wieder auf.
Dieses Geschlecht hat seit dem Ende des Mittelalters in einigen Regionen der
Erde, nämlich von Nordwesteuropa ausgehend, die Gestalt der freien
kognatischen Kern-Familie, in welcher beide Partner privat über die
Produktionsmittel des eigenen Lebens verfügen. Vielleicht löst sich diese
Gestalt des Geschlechts, in welcher die Produktion des eigenen Lebens mit
der Produktion des eignen Nachwuchses erfolgreich strukturell verkoppelt
war, nun wieder auf und wird zerstört. Zerstreut die Menschen in
unverbundene Mengen vereinzelter Einzelner, die sich eher zufällig und
vorüberge­hend zu unvorhersehbaren Gruppen und Zusammenschlüssen
assoziieren, welche sich ebenso schnell wieder dissoziieren, welche wieder
vergehen und jede produktive Gemeinsamkeit zerstören – in eine grund- und
bodenlose Menschheit sich wandelnd, wer weiß?

Aber, so will Hans Sachs, und das ist auch seine These, auch heute „in seinem Text zeigen, wie Freud und seine Psychoanalyse und die Hauptpropagandistin des Gender-Mainstreaming in ihrer Weltanschauung vorzugsweise dann verstanden werden können, wenn ihre Theorien und ihr Charakter als Ergebnis ihrer Kindheitserleb­nisse gewertet werden können.

Das macht Hans Sachs für Freud recht ausführlich und nennt Freuds schwer gestörte Mutter-Kind-Beziehung sogar den „Dynamo seines (Freuds) Oeuvres“ (S. 44) Für Butler bezieht er sich nur auf ein Interview in ARD und arte vom September 2012, in dem sie über die Schrecken ihrer Kindheit berichtete. Das mag Plausibilität haben, aber wirklich überzeugen kann es nicht, ebenso wenig die Analyse der Rolle der Person Edward Bernays und seiner Public-Relations-Technik. Das deutet er nur an.

Ausführlich und überzeugend befasst er sich mit der frühkindlichen Entstehung von Homosexualität, die er nicht mehr als Krankheit, sondern als, wie er es nennt, „psychische Störung“ analysiert, die aber nicht reversibel sei: „Homosexualität ist eine natürliche Folge der erzieherischen Einflüsse, denen ich als Kind ausgesetzt war. Mit Hilfe der Forschungsergebnisse, der Bindungsforschung und der Selbstpsychologie hat die Tiefenpsychologie dies unwiderlegbar offengelegt.“ (S. 84)

Das mag er optimistischer sein, als die Forschung zulässt. Was die Homosexualität angeht:  es bleiben offene Fragen. Wie Homosexualität entsteht, scheint keineswegs endgültig geklärt. Immerhin wird sie, wie Sachs bemerkt, nicht mehr als eine Krankheit verstanden.

Wie sieht es mit dem statistischen Anteil in komparativer Perspektive aus? Lassen sich etwa anteilige 5% Homosexuelle aus gestörten Mutter-Kind-Bindungen erklären? Und: Können biologische Ursachen ausgeschlossen werden? Z. B. genetischer oder pränatal-hormoneller Art?

Und selbstverständlich liegt ihm die frühkindliche Kindererziehung am Herzen in ihren drei ersten Lebensjahren. Die sieht er systematisch gefährdet: „Bei der Propaganda für die Kitas wird statt des Wortes Bindung das Wort Bildung benutzt. Eine propagandistische Irreführung der Eltern“, sagt er, „denn so ein kleines Kind braucht Bindung, nicht Bildung.“ (S. 11) Dies ist ihm deshalb besonders wichtig, weil die Bindung nicht nur selbständige, liebevolle und zugewandte Personen entwickeln lässt, auch die Gehirnforschung hat zeigen können, dass in dieser Zeit und durch Bindung gestützt, gesichert und gefördert, das kindliche Gehirn sich entwickelt und in seiner Entwicklung vollendet. Dies sieht er durch die „frühsex­uelle Erziehung“ in den Kitas gefährdet. Aber vielleicht hat die Frühkindliche Sexualerziehung für die Gender-Pädagogen einen ganz anderen Sinn? Vielleicht geht es ihnen ja dabei eher um Früherkennung von Genderorientierungen bei den Kleinen und um Vorsorge für ein frühzeitiges und gelingendes Coming Out Sorge zu tragen?

Gleichwohl, und da mag ihm der Rezensent aus vollem Herzen in beiden Forderungen beipflichten: „Wir brauchen in den Schulen bei den Kindern natürlich fächerübergreifende Unterrichtseinheiten zur Toleranz vielfältiger sexueller Verhaltensweisen und eine Orientierung über gleichwertige andere Erscheinungsformen menschlicher Sexualität. Aber genauso brauchen wir die Unterweisung unserer Kinder darin, wie Familie gelingt, im Guten und bei Konflikten und worauf es in der Kleinkindererzie­hung ankommt.“ (S. 142)

Und Gender-Mainstreaming soll dann, wie Hans Sachs mit vielen anderen gemeinsam auch fürchtet, vielleicht nicht heißen, die gleichgeschlechtlichen, die geschlechtsübergreifenden und die queeren Gender zum Hauptstrom von Geschlecht anstelle des gegengeschlechtlichen Geschlechts zu machen. Den Eindruck allerdings machen zurzeit die Gender-Propaganda und Gender-Propagandisten. Als stellten die Gender nicht drei bis fünf Prozent und weniger der Bevölkerung unserer Gesellschaft, sondern wenigstens dreißig Prozent. So tönen sie lauthals, die Schreihälse und Schreihälsinnen der Gender-Doxa!

Vielmehr, und dem wird Hans Sachs sicher auch beipflichten, könnte es im Gender-Mainstreaming vor allem darum gehen, Gender in den Hauptstrom von Geschlecht, nämlich den überwältigenden Hauptstrom der gegengeschlechtlichen und gelegentlich Nachwuchs produzierende Sexualität hinzu zu gesellen und ebenso akzeptiert und „geläufig“ zu machen wie diese gegengeschlechtliche Sexualität. Geläufig, engl. ‚intelligible‘, sagt Butler.

Hans Sachs hat ein nicht in allem seiner Argumentation stichhaltiges, aber ein interessantes Buch geschrieben, das neue Sichtweisen auf das Phänomen Gender eröffnet und gerade in seinen Irrungen eine Fülle von Anregungen ermöglicht.

Fine!

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