Dr. Wulf Krause: Freud, Gender und die Massenpsychologie der Gleichheit


Für den Fall, dass sie misslingt, sagt Hans Sachs, kommt es zu frühkindlichen Verlustangst-Traumatisierungen oder zu traumatisierten Erfahrungen von Misshandlungen, Demütigungen und seelischen Verletzungen. „Lass das! Du kannst nichts! Du taugst nichts! „Aus Dir wird nie was!“ wird einem Kind beständig gesagt, und das Kind hört es, ängstigt sich, verdrängt und sagt es zu sich selber sein Leben lang, weiß nicht und wundert sich, woher es wohl kommt. Solche frühkindlichen Erlebnisse führen zu Traumatisierungen. Es kommt zu Verdrängungen, Übertragungen und zu Wiederholungszwängen des Verdrängten. Wenn also die frühkindliche Mutterbindung gestört wird und nicht zustande kommt, kommt es zu „Vernachlässigung und Demütigung, die in den ersten Jahren zwar erlebt, aber sprachlich nicht benannt werden können, sind sie gleichwohl emotional als Wut, Angst, Aggression und Hass im Unterbewussten gespeichert und hier demagogisch abrufbar“, (S. 16) „Das Frühkindlich-Erlebte wird im späteren Leben der Betroffenen reinszeniert, womit das Erlebte mitgeteilt wird: Seht, das hat man (z.B. meine Eltern) mit mir gemacht, meine Identität zerstört, wenn ich das (unbewusst) mit Euch mache, versteht ihr dann, was mir widerfahren ist? (S. 153) Die Kinder, auch noch als Erwachsene stehen unter Wiederholungszwang: „Das heißt, geschlagene Kinder werden wieder schlagen, gedemütigte Kinder wieder demütigen, bedrohte Kinder weiter bedrohen und in der Seele getötete Kinder weiter töten oder sich leicht dazu verführen lassen.“ (S. 165). Und genau dies sei das, was von Freuds Theorie übrig bliebe. Das aber sei der Schatz, den es in Freuds Theorie zu bergen gebe: es käme in prekärer Mutter-Kind-Bindung zu Misshandlungen, zu Vernachlässigungen und Demütigungen zu Traumatisie­rung, zu Verdrängung, zu Übertragung und zu Wiederholungszwängen. Dies erkläre vieles, aber, so Sachs, allein in der Bindungstheorie, die das Konzept „Trieb“ verworfen hat.

Und nun kommt es zu einer seltsamen Begegnung des Rezensenten mit Hans Sachs, dem Autor dieses Buches. Darüber müssen ein paar Worte gesagt werden. Beim Lesen des Buches hat sich der Rezensent irgendwie, zwar nicht in seine Kindheit zurückversetzt gefühlt, aber doch in die Zeit Ende der Sechziger in Berlin, wo er, was wir die „antiautoritäre Revolte“ nannten, aktiv lebte.

Die Diskussion, die Hans Sachs hier in seinem Text führt, kannte ich bereits, denn wir hatten sie damals auch schon geführt. Es war nämlich so: Diesen „Wiederholungszwang verdrängten traumatisierten und übertragenen Verhaltens“ wollten wir durchbrechen, wenigstens außer Kraft setzen.

Wir, das sind die „Achtundsechziger“.

Es wurde in den Jahren seit Ende der sechziger Jahre systematisch über Erziehung, auch über sexuelle Erziehung kleiner Kinder nachgedacht: In der antiautoritären Erziehung und der Kinderladenbewegung. Das „Antiautoritäre“ – was für ein missverstandener Begriff das ist! Als würde die antiautoritäre Erziehung gegen die „Autoritäten“, die „Herrschenden“ aufwiegeln und zum allgemeinen Umsturz erziehen. Das mag der Eine oder die Andre wohl gehofft haben. Aber dieser Begriff hat eine ganz und gar andere Entstehung: Wir hatten die berühmte Studie über die „Autoritäre Persönlichkeit“, die vom Frankfurter Institut für Sozialforschung in den dreißiger Jahren mit amerikanischen Studenten in Amerika durchgeführt worden war gründlich gelesen. Darin wurde deutlich, dass unterdrückendes Verhalten aus Unterdrückung erwächst, untertäniges Verhalten ebenso und dass diese zwanghaften Wiederholungen und Übertragungen leicht für Verführungen durch Demagogen bereit sind. Dieses Verhalten war im Begriff der „Autoritären Persönlichkeit“ gefasst, die eben nicht „Totalitäre Persönlichkeit“ heißt­ – was für ein absurdes, ja kenntnisloses Missverständnis!

Das Phänomen und der Begriff der autoritären Persönlichkeit war Thema und ein Ergebnis der Studie: Der unterwürfige, eingeschüchterte, submissive, verführbare Charakter – der Untertan. Unsere Übertragung und Interpretation der Ergebnisse auf die vergangenen Verhältnisse im nationalsozialistischen Deutsch­land und nach dem Kriege war naheliegend. Diese Art Persönlichkeit mag eine „günstige“ Möglichkeit für NS-Demagogen und Propaganda abgegeben haben, die damals schon dem Konzept von Bernay folgte, mehr aber auch nicht. Schlimm genug, was da geschehen war. Dieses, genau dieses autoritäre, unterwürfige Verhalten durfte, sagten wir uns, durfte in Zukunft nicht mehr möglich sein. Vielmehr antiautoritär musste es sein. Gegen die „autoritäre Persönlichkeit“ setzten wir klar und distinkt die „antiautoritäre Persönlichkeit.“

Die sechziger Jahre, das war die Zeit, in der wir unsere Kinder bekamen. Wir, das sind die in den vierziger Jahren Geborenen. Das ist die letzte Alterskohorte der Kriegsgeneration. Zum Teil traumatisiert in den Bombennächten in den Großstädten, zum Teil traumatisiert durch die im Krieg verrohten Väter oder traumatisiert durch Verlust und Vaterlosigkeit, unfähig, zu trauern, jedenfalls in irgendwie zerrütteten Familien lebend, mit Müttern, die keine Männer mehr hatten, die arbeiten gingen, um die „Familie“ zu ernähren. Eine heile, gar heilige Familie gab es da nicht und nirgends – und bis heute nicht mehr! Wir alle besaßen daher ein sehr hohes Potential für jene psychologischen Wiederholungszwänge und Übertragungen verdrängten Leids, verdrängter Demütigungen und Missachtungen auch auf unsere Kinder. Das erkannten wir. Dem mussten wir entgegen treten. Wir mussten am besten selber zu antiautoritären Persönlichkeiten werden, (was sicherlich nur in seltenen Fällen unter uns Männern gelang), und wir mussten das antiautoritäre Potential unserer Kinder wecken und stärken. Das war uns allen klar! Insofern geht die heute übliche und auch von Hans Sachs gemeinte Schelte und Verurteilung der „Achtundsechziger“ satt ins Leere! Der Historiker Götz Aly hatte in einem umstrittenen Buch jedoch eine gewisse Spezifik des Verhaltens der „Achtundsechzi­ger“ auf genau solche psychischen Vorgänge und Wiederholungen bezogen und auf eine sehr viel größere Ähnlichkeit mit unseren Vätern geschlossen, als wir wahr haben wollten. Jedenfalls wollten wir etwas „ganz Anderes“:

Sicherheit des Daseins wollten wir unseren Kindern geben und ihnen auch die Möglichkeit eröffnen, solche Sicherheit aus ihrem eigenen Vermögen schließlich selbst für sich zu schaffen:

Die ganz einfache Sicherheit der körper­lichen und seelischen Unversehrtheit, damit fing es an, gewaltfrei wollten wir sie erziehen und in einem Gefühl der sicheren Geborgenheit und Selbstgeborgenheit.

In einer gewissen selbstregulierten, selbstorganisierten und selbstbestimmten, selbstbewussten, sich ihres eigenen Verstandes mutig und ohne fremde Hilfe bedienenden freien Daseinsweise, aber nicht sich selbst überlassen und vernachlässigt, (das gab es leider auch) sollten sie sich entwickeln und persönlich entfalten können. Und vor allem: Anders als ihre Eltern, frei von „Wiederholungszwängen“ und „Übertragungen“ frühkindlicher Traumata. Das ist nicht immer, aber in sehr vielen Fällen sehr gut gelungen.

Und wir waren offen, neugierig und experimentell. Selbstverständlich beobachteten wir, ob unsere Kinder stolz, mit Lust und Produzentenfreude mit ihren Exkrementen spielten und so ihre Freudsche frühkindliche anale Sexualität befriedigten. Nichts da! Das war nicht und nirgends zu beobachten. Wir bezweifelten zunächst unsere eigenen Beobachtungen, aber es gab zu viele davon, bei allen. So verwarfen wir die eigentümliche Sexualitätstheorie Freuds. Wir verwarfen sie vollständig. Frühkindliche Sexualität existierte fortan nicht mehr. Geschlecht begann nun mit Geschlechtsreife und die stellte sich von selbst ein, nicht vorher.

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