Dr. Wulf Krause: Freud, Gender und die Massenpsychologie der Gleichheit


Das ist die Vorstellung einer polymorph perversen frühkindlichen Sexualität, um eine einheitliche Auffassung von sich ineinander verwandelnder und umwandelnder „Sexualitäten“ in eine Vielfalt sexueller Orientierungen zu begründen und gesellschaftlich zu etablieren. Und der endgültige Stoß gegen diese Auffassung, meint Hans Sachs, sei im Kern der letzte Schlag gegen die „Genderide­ologie“. Das klingt erst einmal plausibel

Wie führt er diesen Schlag?

Hans Sachs referiert zunächst Freuds Sexualtheorie: Der Sexualtrieb des Kindes ist für Freud eine „primäre“ Eigenschaft, sie sei von Anfang an bei den Menschen da, sie sei ein Drang, der müsse befriedigt werden. Er befriedige sich aber zunächst in den „erogenen Zonen“ und zunächst nicht in der genitalen Fortpflanzung. So entwickelt Freud diese Überlegung in den „drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ von 1905. Die Haut sei Lustorgan und der Sexualtrieb, existiere substanziell von Anfang an im Kleinkind und wandele sich durch die verschiedenen Formen frühkindlicher Sexualität, von oraler, analer über ödipale Sexualität um sich schließlich in genitaler Sexualität sich zu vollenden.

Diese Auffassung, und das versteht Hans Sachs nicht recht, folgt einer Ontologie, welche die vorliegenden Dinge der Welt in der Gestalt eines ‚Dings und seiner Eigenschaften‘ denkt, als Materie und Form. (Aristoteles) Diese Ontologie heißt Substanzontologie. So haben die Dinge als solche Masse, Ausdehnung und Dauer, Eigenschaften, die ihnen „primär“ zukommen.

Oder, einige Organismenarten haben Sexualität, eine Eigenschaft, die ihnen eigen ist und ihnen unmittelbar, primär“, z.B. als Sexualtrieb zukommen. So denkt Freud Sexualität. Oder, Organismen haben Eigenschaften, die für das Funktionieren den ganzen Organismus vollständig nötig sind, die aber beschädigt werden können, dann werden die Organismen krank, die eine kranke „primäre“ Eigenschaft verursacht die Krankheit des ganzen Organismus. Das wird als Ursache und Wirkung, als Grund und Folge, als Kausalität gedacht.

Bowlby aber hatte bereits Ende der fünfziger Jahre tatsächlich eine Theorie der frühkindlichen psychischen Entwicklung entworfen, die radikal mit der Freudschen Theorie der frühkindlichen Sexualität gebrochen hatte. Der Titel ihrer, meines Wissens, ersten Darstellung, lautet: „The Nature of the Childs Tie to his Mother“ und erschien im International Journal of Psycho Analysis, 1958, pp 350 – 373.

Bowlby verlässt die Triebtheorie Freuds und betritt einen völlig neuen Kontinent, den der Ethologie oder Verhaltens­theorie. In der geht es nicht mehr, wie bei Freud, um „primäre“, also den Dingen als solche unmit­telbar zugehörigen Eigenschaften wie noch Freud den „Sexualtrieb“ verstand. Sondern es geht um Verhalten, Verhältnisse und Relationen, bei Bowlby insbesondere um das Mutter-Kind-Verhältnis. Das wird als wechselseitige Bindung vermittelt durch instinktive Impulse und ihre Erwiderung beschrieben. „They serve the function of binding the child to mother and contribute to the reciprocal dynamic of binding (W.K.) the Mother to child. Those which I believe we can identify at present are sucking, clinging and following.” (S. 351) Keine Sexualität, nirgends.

Diese Auffassung, und das versteht Hans Sachs ebenso wenig, folgt einer völlig anderen Ontologie, nämlich einer, die „Systemontologie“ genannt wird. Beide Begriffe, Substanzontologe und Systemontologie, sind von dem Würzburger Philosophen Heinrich Rombach eingeführt worden. In der Systemontologie geht es um die „Einheit des In-sich-Unterschiedenen“. Sie umfasst Relationen, die zwischen wenigstens zwei Relata wirken und sie, zum Beispiel in Gravi­ta­tion, zusammenbinden. Es entsteht hier eine Einheit, in der die Dinge in einer Art „Innigkeit“ in Eins, ‚monadisch‘ zusammengeschlossen und eine „reciprocal dynamic of binding“ (Bowlby) entfalten und nur darin ihre Wirklichkeit, ihre Wirkung finden und entfalten.

Dinge haben Schwere, sie haben Schwere nicht „primär“ an sich, sie sind nur gegeneinander Schwer. Organismen haben Sexualität nicht an sich selber, sondern nur gegeneinander, konkret im Vollzug der Paarung. Alle physikalischen Wechselwirkungen, alle chemischen Bindungen können in einer solchen Ontologie gedacht und dann verstanden werden, aber auch die Innigkeit eines Koitus, die Innigkeit einer Mutter-Kind-Bindung, die Innigkeit einer starken Paarbeziehung, egal ob in gegengeschlechtlicher oder gleichgeschlechtlicher Bindung oder auch die Innigkeit gelingender Kommunikation, also das Soziale, kann so gedacht und verstanden werden. Und diese Innigkeit existiert und besteht nur konkret in ihrem Vollzug der sich vereinigenden Dinge, in einer „Einheit mit Unterschied in der Einheit“ (Hegel). Das ist gleichsam die hegelsche Formulierung dessen, was Leibniz Monade nennt.

Ontologie ist die philosophische Lehre vom Sein, genauer vom Sein des Seienden. Das Sein des Seienden als solchem im Ganzen. Das Seiende als solches im Ganzen ist alles Vorliegende, das ist alles Einzelne, „alles was der Fall“ ist, wie der Philosoph Ludwig Wittgenstein anschaulich sagt. Aber das „alles Seiende“ ist der menschlichen Wahrnehmung niemals als Ganzes zugänglich. Das kann Mensch sich irgendwie nur in einer Gestalt, einem Bild vorstellen, oder sich davon einen Begriff machen, wie das „alles Seiende im Ganzen“ gedacht und dann begriffen wird und verstanden werden kann, welchen Sinn es hat. Und das Sein muss etwa als ego cogitans in seiner Wirklichkeit als res cogitans, Sein als etwas denken, als etwas, was allen Seienden gemeinsam ist, z.B.: Ihre primären Eigenschaften, ihres Ausgedehnt-seins, ihres Masse-seins, ihres Ausdehnt-seins und ihrer Dauer: Sein als res extensa – zum Beispiel.

Aber auch dieses kommt rein als vorliegendes Seiendes nicht vor; es existiert kein Ding, das nur Masse hat, nur Ausdehnung, nur Dauer. Solche Dinge heißen dann Abstrakta, „abgezogen, abgezogen von allen anderen, zufälligen Eigenschaften, die sie sonst noch haben mögen. (Substanz und Akzidenzien) Ontologische Forschung ist philosophische Grundlagenforschung im Denken.

Hans Sachs ahnt diesen Unterschied der verschiedenen Ontologien irgendwie, aber seine philosophische Reflexionen des Entstehens der Systemontologie als physikalische Auflösung der Materie (Substanz mit Eigenschaften) in Energie, und Energie in Geist, sind einfach Unsinn (S. 28 f.). Das muss er als Arzt philosophisch auch nicht verstehen. Es reicht, den Unterschied im Erkenntnisweg zu erkennen und das gelingt schon den Meisten nicht: Die substanzontologische Deutung der Sexualität bei Freud, meint er, „… ist vielmehr Freuds naturwissenschaftlicher Ausbildung und Prägung im Labor seines Lehrers Brücke, einem Helmholzschüler, geschuldet. Seelisches kann aber nicht kausalpathogene­tisch verstanden werden, sondern nur mit der Methodik bzw. der Kategorie der Hermeneutik.“ (S. 15) Das aber ist ein systemontologischer Begriff.

Und dies, hermeneutisch, besser daseinshermeneutisch, sei genau die Theorie der Mutter-Kind-Bindung, die eine Reihe von psychischen Phänomenen erkennbar und verstehbar mache, die bislang „kausalpathogenetisch“ als Krankheit missverstanden und kausal als Wirkung einer Ursache verstanden und erklärt worden waren, so wie Hysterie und auch Homosexualität. Das ist richtig.

Und das ist Hans Sachs entscheidend wichtig: Entweder gelingt diese „frühkindliche Bindung in den ersten Lebenswochen und in den ersten vorsprachlichen Lebensjahren, jeweils an die Mutter oder die gleichwertige Pflegeperson“ (S. 16) oder sie misslingt. Und seine große Sorge gilt der außerordentlichen Gefährdung der Mutter-Kind-Bindung durch Gender-Mainstreaming und damit die Gefährdung der frühkindlichen Entwicklung überhaupt.

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