Dr. Wulf Krause: Freud, Gender und die Massenpsychologie der Gleichheit


Zwar hat es bis in die siebziger Jahre immer wieder Versuche gegeben, beide Theorien, Marxismus und Psychoanalyse, was auch immer damit gemeint sein mag, miteinander zu vereinigen, aber das ist schließlich aufgegeben worden, weil das nicht gelingen kann.

Die Gendertheorie entsteht erst durch die amerikanische Sprachwis­senschaftlerin und Philosophin Judith Butler, die den Begriff Gender in ihrem Buch „Gender Trouble“ verwendete, das im März 1990 erschienen war, also rund zwanzig Jahre nach Marcuses Verkündung der sexuellen Revolution.

Der Begriff wird von Butler eingeführt, um eine klare und eindeutige Begrifflichkeit schaffen, gleichgeschlechtliche, wechselgeschlechtliche, geschlechtsüberschreitende und geschlechtsverändernde Orientierungen sowie alle anderen, seltsamen (engl. queer) Arten sexueller Orientierungen und Praktiken von jener gegengeschlechtlichen, in der Regel auch mit Fortpflanzung einhergehender Sexualität zu unterscheiden und abzugrenzen: damit sie erst gar nicht verwechselt

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werden können. In diesem Sinne ist es richtig, wenn Hans Sachs feststellt:

„Der rote Faden der Gender-Ideologie ist die Trennung von Sex und Fortpflanzung.“ (S. 18)

‚Gender‘ im Englischen heißt zunächst nur Geschlecht. Aber: Unter dem Wort ‚gender‘, das sei hier angemerkt, versteht die englische Sprache lediglich das grammatische Geschlecht, also ob ein Wort feminin, maskulin oder sächlich ist und bezüglich des Menschen, ob er männlich, weiblich oder sächlich ist.

So findet sich das im Wildhagen-Héraucourt, Englisch-Deutsches Deutsch-Englisches Wörterbuch. Der Oxford Dictionary verzeichnet unter dem Stichwort „gender“ über viele Seiten vielfältigste Bedeutungen und ihre sprachliche, pragmatische Verwendung: Gender im Sinne von Genus etc. Das Wort „Sex“ wird von Wildhagen-Héraucourt gar nicht aufgeführt, es ist eine in der vulgären Sprache vorkommende Verkürzung des Wortes „sexuality“, ‚Geschlechtlichkeit‘ adverbial: ‚in geschlechtlicher Hinsicht‘. „Sexy“ aber heißt ‚geschlechtlich interessiert‘, ‚geschlechtlich aufgeregt‘, ‚scharf‘, ‚geil‘, ‚to feel sexy all over‘, heißt so viel wie ‚scharf‘, ‚scharf wie ein Rasiermesser‘ so Wildhagen-Héraucourt. Damit hat ‚gender‘ offenkundig nichts zu tun.

Gender in der Version der Sprachwissenschaftlerin Judith Butlers meint dagegen soziale, kulturelle oder irgendwie anders performativ definiertes Geschlechter, sozial konstruierte und veränderbare Geschlechtsrollen, die ausdrücklich frei von kausalen biologischen Anbindungen und Rückbindungen an Sex, also Geschlecht und Fortpflanzung sind.

Sie verwendet den grammatischen Begriff ontisch, identifiziert realistisch Wort und Wirklichkeit des Seienden.

Der Gewinn: Alle Paraphilien können Gender sein.

Und die Unterscheidung “normal und abweichend“ fällt.

Die entscheidende Unterscheidung ist hier tatsächlich die von „Sex und Gender“.

Nichts ist verboten. Alles ist erlaubt, nur keine Kinder. Wir müssen weniger werden!

So bezieht sich die Gendertheorie auch nicht auf den „Freudomarxismus“ sondern auf den französischen Strukturalismus und Poststukturalismus Michel Foucaults, beziehungsweise auf den Dekonstruktivismus Jaques Derridas. Der erste, Foucault, bezog sich auf den Anthropologen, Ethnologen und Strukturalisten Levy-Strauss und auf Nietzsches Metaphysik des Willens zur Macht, der zweite, Derrida, kam von der Sprachtheorie, von Saussure und Jakobson und ihrer linguistischen Zeichentheorie, sowie philosophisch von Husserl und Heidegger.

Aber gleichwohl hat Sachs nicht ganz unrecht. Die neue unter dem Namen „Feminismus“ entstehende Bewegung in jener Zeit gegen Ende der sechziger Jahre bezog sich damals vor allem auf Friedrich Engels und auch auf Karl Marx. Die beiden standen, auch vermittelt durch die Frankfurter Schule, mit ihren Theorien eben damals im Zentrum des gesellschaftlichen intellektuellen „Diskurses“ und bestimmten die intellektuelle „öffentliche Meinung“, sie waren „Zeitgeist“. Über die beiden sprach man, über die wusste man Bescheid auf die bezog man sich als Referenztheorie und fühlte sich zugehörig. Etwa Kate Millett mit ihrem Werk „Sexual Politics“ von 1969 in welchem sie behauptete, dass alle gesellschaftlichen Verhältnisse, auch noch die freiheitlichsten, zärtlichsten und liebevollsten, männlich dominiert und repressiv seien und wendet ihre Wut gegen den mutmaßlich offenbar allgegenwärtigen männlichen Sexismus.

Oder Shulamith Firestone, die in ihrem Werk, „Dialectic of Sex“ von 1970, Friedrich Engels kritisiert, weil er den „Klassenwiderspruch von Proletariat und Bourgeoisie“ nur ökonomisch begründete, aber nicht grundgelegt habe im biologischen Grundver­hältnis der genitalen „geschlecht­lichen Arbeitsteilung“ von Mann und Frau und, wie Firestone es tut, den Koitus als ein Gewaltverhältnis, genitale Penetration als eine Art Körperverletzung, als Vergewaltigung der Frau durch den Mann erkenne und dass die wirkliche Befreiung der Frau ihre Befreiung vom gegengeschlechtlichen Geschlechtsverkehr und endgültig vor allem vom „Gebärzwang“ und der Last der Kinderaufzucht sei. So argumentierte Firestone damals.

Das sind bizarre Positionen, die sich jeder wissenschaftlichen Prüfung entziehen, die aber offenbar traumatisch von einer tief sitzenden, vielleicht frühkindlichen erfahrenen Angst vor Gegenge­schlecht­lichkeit geprägt sind, einer Angst vor Männern und Männlichsein, die sie in ihrem Leben zwanghaft wiederholen und auf alles Männliche übertragen.

Das ist offenbar ein Selbstbild Geschlecht der Feministinnen, welches äußerste Schwierigkeiten damit hat, den Geschlechtsdimorphismus, die Zwei- und Gegengeschlechtlichkeit, zu verstehen und zu akzeptieren.

Dagegen wird Gleichgeschlechtlichkeit gesetzt!

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