Dr. Wulf Krause: Freud, Gender und die Massenpsychologie der Gleichheit


Freud, Gender und die Massenpsychologie der Gleichheit

von Dr. habil. Wulf Krause

Buchbesprechung:
Hans Sachs: Freud und der Genderplan, agenda Verlag: Münster 2017

Eine Buchbesprechung auf sieben Seiten,
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Hans Sachs ist Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und Psychotherapeut. Er wird wissen, wovon gesprochen wird, wenn über Sexualität und Gender gesprochen wird.

Worum geht es bei Gender?

Es geht darum, sagt er „unsere Idee von Familie nachhaltig zu verändern.“ „Das Gender-Mainstreaming als Umerziehungsprogramm von Ehe und Familie zielt auf die innere, oft unbewussten Werte des Zusammenlebens in unserer Gesellschaft in einer Form, die als tiefster kulturrevolutionärer Eingriff der Menschheitsgeschichte beschrieben werden kann.“ (S. 12)

Was geschieht hier?

Er stellt fest: „Man muss den Menschen bestimmte Ziele vorgeben, nach denen sie streben sollen. Eine nicht geführte Masse ist unfähig, ihre eigenen Bedürfnisse durchzusetzen und zu leben. Sie braucht Leitbilder und Führungspersönlichkeiten, die diese Bedürfnisse formulieren.“ (S. 9)

Wie geschieht das?

Durch „Propaganda“: „Das geschieht indem ohne Angabe von Beweisen und ohne zu begründen, behauptet wird, eine bestimmte Lebensart etwa hätte eine vorhersehbare Wirkung.“, (S. 9)

Gender-Mainstreaming sei eine solche Propaganda.

Welche Wirkung soll sich einstellen, wenn die Masse ihr Leben nach Maßgabe solcher Propaganda einrichten? Wie lautet das propagandistische Versprechen des Gender-Mainstreaming?

Schaffen wir eine Gesellschaft, „in der das Lustprinzip anstelle des Realitätsprinzips Staatsraison sein soll.“ (S. 22) Sexuelle Befreiung ermögliche ein freies Leben aller in einer befreiten Gesellschaft, in der alle gleich sind.

Was ist dazu nötig?

Eine „Frühsexualisierung der Vorschul- und der Schulkinder“ und die Zerstörung der herkömmlichen Familie! Denn, so glaubt er, sei der revolutionäre Kern des Gender-Mainstreaming sei die Auffassung: „Familie sei der Ursprung des totalitären Charakters” und dieser habe den II. Weltkrieg und den Holocaust ermöglicht. Dies, und das ist seine Kernthese behauptet Hans Sachs, sei der Kern des Freudomarxismus der Frankfurter Schule, in der die durch Freud inspirierte Sexualtheorie Wilhelm Reichs mit einer marxistischen Gesellschafts- und Revolutionstheorie verbunden, „zum Umsturz der bestehenden Gesellschaft führen soll.“ (S. 20) Wie die ganze Bewegung des Genderweltbildes mit der Gesetzmäßigkeit eines Massenverhaltens durchgesetzt wird, das schon Le Bon beschrieben hat.“ (S. 16) Und nach ihm von Le Bons „Massenpsychologie“ ausgehend, als Theorie und Praxis der „Public Relations“ von Edward Bernay weiterentwickelt worden war.

Dem will er entschieden entgegen treten.

Dieser Umsturz solle, „sehr kurz gesagt“, über eine völlig neue Sexualität erreicht werden. „Sexualerziehung, früh im kindlichen Leben angewendet, wirke emanzipatorisch und politisch bildend. Lebe deine Triebe aus und trage so zur Bildung einer herrschaftsfreien Gesellschaft bei; das ist eine von Reichs Thesen, die in die Thesen der Frankfurter Schule einging.“ (S. 20)

Und damit schließe sich ein Kreis: „Die Genderideologie beruft sich“, so Hans Sachs, „auf den Freudomarxismus der Frankfurter Schule“ ebenda. Und die „hohe Blüte der Gesellschaftstheorie der Frankfurter Schule seien die Endsechziger Jahre“, also die Jahre der antiautoritären Studentenbewegung. Wunderbar! Da haben wir sie wieder – verhaftet sie, die üblichen Verdächtigen: die „Achtundsechziger“! Wenn es doch so einfach wäre! Horkheimer und Adorno als „Führungspersönlichkeiten“ (Sachs) der Frankfurter Schule standen der Studentenbewegung eher skeptisch gegenüber, Adorno zumal wurde von den Studenten in Frankfurt kritisiert, ja attackiert und gedemütigt, was wohl mit zu seinem frühen Tode im August 1969 führte, wie Detlef Claussen n seiner Adorno-Biographie zeigt. Sie waren bekanntlich alle Juden, die vor den Nazis nach Amerika geflüchtet und noch nicht lange zurückgekehrt waren und wieder in Deutschland lebten.

Allerdings Herbert Marcuse, in Berkeley geblieben, bezog sich auf Wilhelm Reich und beeinflusste die Studentenbewegung nachhaltig mit seiner Forderung, „befreit das Lustprinzip vom Realitätsprinzip“, eine Parole, die als Aufforderung zur „Sexuellen Revolution“ verstanden wurde, so ein Buchtitel von Wilhelm Reich aus dem Jahr 1937. Seitdem ist das Wort zum Begriff für jede Art von sexueller Emanzipation und Veränderung geworden oder was immer dafür herhalten soll, aber ohne Bezug auf Reich.

So glaubt Hans Sachs den entscheidenden Schlag gegen die Gendertheorie zu führen, indem er zeigt, wie die Freudsche Theorie der Sexualität, auf die sich auch Reich in den Dreißigern und Herbert Marcuse Ende Sechzig bezogen hatten, längst widerlegt und ad absurdum geführt worden sei, nämlich durch die „Bindungstheorie“ des britischen Psychiaters John Bowlby. Die Theorie der Sexualität von Freud, das ist ihm ernst, sei unwiederholbar, sie sei endgültig zerstört. In dieser Klarheit hört man das selten.

Dieser Schlag aber geht ins Leere!

Die Behauptung von Sachs, die Gendertheorie berufe sich auf den „Freudomarxismus“ der Frankfurter Schule ist völlig unzutreffend. Eine solche Theorie existiert nicht.

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