Interview: U. Kutschera – Der Mensch ist eine egoistische Fehlplanung der Natur


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Interview mit Professor Dr. Ulrich Kutschera
Der Mensch ist eine egoistische Fehlplanung der Natur

Im Spätsommer 2016 führte Hedi A. Xandt für das TUSH-Magazin ein Interview mit dem Evolutionsbiologen Ulrich Kutschera. Mit freundlicher Genehmigung veröffentlicht Gender-Diskurs das Interview an dieser Stelle.


U. Kutschera:
Der Mensch ist eine egoistische Fehlplanung der Natur

Egomanie und Drang zur Perfektion zeichnen den Menschen von heute aus: Haben wir es lediglich mit einer Zeiterscheinung zu tun oder ist dieses Verhalten unser evolutionäres Erbe? Der Evolutionsbiologe Professor Dr. Ulrich Kutschera hat darauf deutliche Antworten, spricht unter anderem vom Phänomen der „Verhausschweinung“ mancher Ehemänner und der Egozentrik vieler Kinderloser.


TUSH: Der Genetiker Theodosius Dobzhansky hat gesagt: „Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn, außer im Lichte der Evolution“. Liegt es in der Natur des Menschen, immer weiter, höher, schneller zu wollen? Ergibt dieser Drang biologisch einen „Sinn“?

U. Kutschera: Nach Charles Darwin bedeutet Evolution „Abstammung mit Abänderung“. Dieses „Andersartigwerden“ der zu Fortpflanzungsgemeinschaften, also Populationen vereinigten Organismen ist nicht notwendiger Weise mit einer „Höherentwicklung“ verbunden; biologisch ausgedrückt geht es hierbei um die Komplexitätszunahme im Verlauf der Jahrmillionen. Daher folgt aus dem berühmten Satz von Dobzhansky nicht, dass Menschen, rein evolutionär bedingt, in jeder Generation immer Besseres erreichen wollen.

TUSH: Menschen streben, ausgestattet mit einer großen Portion Egoismus, in nahezu allen Teilbereichen ihres Lebens nach Perfektion – alle suchen den perfekten Partner. Ist das evolutionär begründbar?

U. Kutschera: Da wir komplex gebaute Primaten, das heißt abgewandelte, Schimpansen-ähnliche Affen sind, ist unser stammesgeschichtliches Erbe nicht ablegbar. Lebewesen sind sterblich und daher bestrebt, in veränderten Kopien weiterzuleben, bei Menschen sind das die leiblichen Kinder. Bei der zweigeschlecht­lichen, sexuellen Fortpflanzung spielen egoistische Motive eine Rolle, da jene Individuen, die keine Kinder hinterlassen, aussterben. Nachkommenlose Menschen sind genetisch tot – sie pflegen daher ihren sterblichen Körper besonders intensiv und verhalten sich oft sehr egozentrisch. Insofern sind diese negativen menschliche Eigenschaften durchaus auch evolutionär bedingt.

TUSH: Strebt Evolution nach Perfektion?

U. Kutschera: Das ist nicht der Fall. Es gibt in der Natur keine übergeordnete Intelligenz, kein Plan, kein Design. Was funktioniert und sich fortpflanzt, das bleibt erhalten. Die im Daseinswettbewerb überlebenden Individuen sind durchaus optimal angepasst, aber keineswegs perfekt gebaut. In meinem Fachbuch „Design-Fehler in der Natur“ habe ich ausführlich dargelegt, durch welche Bauplanmängel wir Menschen gekennzeichnet sind.

TUSH: Bevor sich jetzt alle Leser auf ihr Buch stürzen: Was sind denn die „Design-Fehler“ des menschlichen Organismus?

U. Kutschera: Fachbücher verkaufen sich im Internet-Zeitalter kaum noch und Verlage sterben. Zu Ihrer Frage: Angefangen vom viel zu großen Babyschädel bis zum aufrechten Gang, der zu Rückenproblemen wie der Abnutzung von Bandscheiben führt. Wir sind, als eine aufrecht gehende spezielle Affenart, definitiv eine egoistische Fehlplanung der Natur.

TUSH: Gibt es so etwas wie das perfekte Lebewesen? Was bedeutet „Perfektion“ überhaupt in der Natur?

U. Kutschera: Kein sachkundiger Biowissenschaftler hat bis heute ein perfektes Lebewesen entdecken können. Alle Organismen sind Kompromissformeln der Natur. Warum es keine perfekten Tiere und Pflanzen geben kann, liegt vor allem an den begrenzten Ressourcen, die für verschiedene Körperfunktionen zur Verfügung stehen.

TUSH: Manche Menschen zweifeln an der Evolutionstheorie und glauben, dass ein allmächtiger Gott alles Leben von Anfang an perfekt erschaffen habe und dieses dem Menschen untertan sei. Kann der Mensch wirklich die Krone der Schöpfung sein?

U. Kutschera: Personen, die an „der Evolutionstheorie“ zweifeln, sind intellektuell im 19. Jahrhundert stehengeblieben. Evolution ist eine belegte Tatsache und wird durch ein ganzes Bündel verschiedener Theorien aus den Bio- und Geowissenschaften erklärt. Göttliche Schöpfungsakte eines biblischen „Geistwesens“ erklären alles und somit nichts. Wir sind nicht die „Krone der Schöpfung“, sondern eine besonders aggressiv-intelligente Affenart, welche vor langer Zeit die Urwälder zur Savanne hin verlassen hat.

TUSH: Gibt es eine rationale Erklärung für das Phänomen Mensch? Warum sind wir so, wie wir sind und wo liegen unsere Grenzen?

U. Kutschera: Evolutionsbiologen haben, beginnend mit Jean Lamarck über Darwin, Wallace, Haeckel, Weismann und anderen die Abstammung des Menschen rational erklärt. Heute wissen wir sehr viel darüber, warum wir so sind und wie uns die Evolution – aber auch die Kultur – geformt hat. Grenzen werden durch die Naturgesetze festgelegt, sowie auch durch die physikalisch-chemischen Rahmenbedingungen unserer Umwelt, wie zum Beispiel durch den Sauerstoffgehalt der Luft.

TUSH: Haben wir uns von natürlicher Evolution entfernt, vielleicht sogar gelöst?

U. Kutschera: Das kommt darauf an, wo wir leben. In Afrika gibt es noch immer natürliche Selektionsfak­toren wie zum Beispiel Infektionskrankheiten, sodass dort selbstverständlich ein evolutiver Wandel stattfindet. In Mitteleuropa, insbesondere Deutschland, läuft die Evolution im Rückwärtsgang: Bei einem stetigen Geburtenunterschuss kommt es letztendlich zum Aussterben der betreffenden Menschen-Population.

TUSH: Lebewesen passen sich über Generationen ihrem natürlichen Habitat an. Der Mensch verändert seinen Lebensraum mit Hilfe technischer Errungenschaften und passt diese seinen Bedürfnissen an. Können wir uns so überhaupt noch weiter entwickeln?

U. Kutschera: Wir sind selbst-domestizierte, das heißt in den Hausstand überführte, sekundär auf den Hinterbeinen laufende Schimpansen-ähnliche Großsäuger. Das Phänomen dieser „Verhausschweinung“ können Sie an vielen Männern jenseits der 30 beobachten. Sobald diese Herren verheiratet sind und eine gesicherte Position erlangt haben, treiben sie kaum noch Sport, ernähren sich falsch und werden bequeme, feminisierte Rundlinge. Eine evolutionäre Weiterentwicklung ist hier eher unwahrscheinlich.

TUSH: „Fitness“ umschreibt in der Biologie die Fähigkeit eines Lebewesens, sich anzupassen, zu überleben und fortzupflanzen. Besonders der Mensch scheint an Attraktivität interessiert zu sein und „betrügt“ mit Kosmetik, Schönheitsoperationen und Statussymbolen. Gilt für uns „Survival of the Prettiest“?

U. Kutschera: Hinter Ihrer Frage steht das Phänomen der geschlechtlichen Zuchtwahl, sexuelle Selektion oder Damenwahl im Tierreich genannt. Beim Menschen – einer spezielle Großaffen-Art, die zum Beispiel durch nahezu permanente Paarungsbereitschaft gekennzeichnet ist – stellen selbstverständlich Schönheit und Statussymbole wichtige Auslesefaktoren dar. In meinem Fachbuch „Das Gender-Paradoxon“ habe ich im Detail dargelegt, was Männer und Frauen wollen, warum es Homosexualität gibt und warum die derzeit politisch durchgesetzte „Frau-gleich-Mann-Ideologie“ als wissenschaftsfeindliches Glaubenssystem zu kennzeichnen ist. Offensichtlich spielt das Aussehen, unter anderem die Symmetrie des Gesichts, eine wichtige Rolle bei der Partnerwahl – attraktive Menschen haben Vorteile im Leben.

TUSH: Ihre Aussagen treffen sie aus einer wissenschaftlichen Perspektive, der Mensch tut dies für gewöhnlich eher weniger. Wie verhält es sich beispielsweise mit Rassismus – ist der in natura zu beobachten?

U. Kutschera: Der britische Naturforscher Alfred Russel Wallace hat den Rassismus bereits um 1900 widerlegt. Evolutionsbiologen wissen, dass alle Menschen sehr nah miteinander verwandt sind und es unsinnig ist, von „höheren bzw. niedrigeren“ ethnischen Gruppen zu sprechen. Sogenannte „Menschen­rassen“ sind Populationen, die an unterschiedliche klimatische Bedingungen angepasst sind, zum Beispiel Afrika oder Europa, aber biologisch betrachtet selbstverständlich aus gleichwertigen Menschen bestehen, mit denselben Rechten und Pflichten.

TUSH: Sind der menschliche Intellekt, sein Egoismus und Hass – in Hinblick auf Fortpflanzung und den von uns verursachten Schaden am Planeten Erde – eventuell ein evolutionärer Makel?

U. Kutschera Der evolutionär bedingte Egoismus der meisten Menschen – nur wer sich fortpflanzt, bleibt in seinen Nachkommen erhalten; Kinderlose sterben aus – ist eine Hauptursache für die Destruktivität unserer Spezies. Verständlicherweise rächen sich manche Kinderlose an der Gesellschaft durch zerstörerische Handlungen. Sie wissen intuitiv, dass nach ihnen nichts mehr kommen wird, und wollen daher ihren Artgenossen bzw. Konkurrenten mit Kindern – das heißt, deren verhassten, fremden Nachkommen – Schaden zufügen.

TUSH: Was erwartet die Spezies Mensch, global betrachtet, in der Zukunft? Werden sich sämtliche Ethnien einmal vermischen?

U. Kutschera: Wie alle echten Biospezies ist auch „die Menschheit“ in geographisch und ethnisch getrennte Gruppen aufgeteilt, die aber „kreuzbar“ sind. Derzeit gibt es unter anderem in Afrika Populationen, die sich vermehren und eine „Evolution im Vorwärtsgang“ durchlaufen. Andererseits sterben Populationen in Mitteleuropa, zum Beispiel Deutschland und Italien, derzeit aus. Aus evolutionsbiologischer Sicht kann aber definitiv gesagt werden, dass eine komplette Durchmischung aller ethnischer Gruppen, mit der Schaffung eines Universal-Ethno-Typs, in Chaos und Bürgerkriegen enden wird. Die politisch-weltanschaulichen Prägungen verschiedener Menschengruppen ist so tief verankert, dass sie nicht einfach abgelegt und überwunden werden kann. Schauen Sie sich in den USA um – die dort existierenden Probleme zwischen den afrikanischen und kaukasischen US-Bürgern dauern seit langem an und werden eher schlimmer als besser. Die aktuelle Kriminalitätsstatistik von Chicago 2016 belegt, dass die dort zusammenlebenden Ethnien trotz aufwendiger Sozialprogramme kaum zu einem harmonischen Miteinander umerzogen werden können.


Ulrich Kutschera, geb. 1955, ist ein deutscher Pflanzenphysiologe und Evolutionsbiologe. Neben seiner Tätigkeit als Professor am Institut für Biologie der Universität Kassel arbeitet er als Visiting Scientist in Stanford/Kalifornien (USA) und ist Autor zahlreicher Lehrbücher.

Insbesondere wegen seines Engagements gegen die Ausbreitung des christlichen Kreationismus und der Gender-Ideologie ist Kutschera auch außerhalb von Fachkreisen bekannt (www.evolutionsbiologen.de).

Literatur

  • kutschera-evolutionsbiologie-coverKutschera, U. (2013) Design-Fehler in der Natur. Alfred Russell Wallace und die Gott-lose Evolution. LIT-Verlag, Berlin.
  • Kutschera, U. (2015) Evolutionsbiologie. Ursprung und Stammesentwicklung der Organismen. 4. Auflage. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart.
  • Kutschera, U. (2016) Das Gender-Paradoxon. Mann und Frau als evolvierte Menschentypen. LIT-Verlag, Berlin.

Die Fragen stellte Herr Hedi A. Xandt, TUSH-Magazin, Hamburg.

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